Huayna Potosi – Die Königin der Anden

Ein Reisebericht aus Südamerika - Bolivien. Von Thomas Wilken.

Gut akklimatisiert und endlich ohne Probleme auf der letzten Tour fühle ich mich nun fit für die Königin der Anden, und buche eine Tour auf den 6088 Meter hohen Huyana Potosi. Schon am Vorabend wird die Ausrüstung zusammengestellt und früh morgens geht es dann zuerst mit dem Auto, durch eine farbenfrohe und abwechselungsreiche Landschaft  in Richtung Zongopass. Dort wird es dann ernst, Zelt, Kocher, Schlafsack, Ausrüstung und Lebensmittel für 2 Tage müssen transportiert werden. Dabei liegt der Startpunkt schon knapp auf Mont Blanc Höhe, das Hochlager auf ungefähr 5200 Metern. Die schweren Rucksäcke drücken ganz ordentlich, sodass erst mal ein gemäßigtes Tempo eingeschlagen wird.

Viel Schutt säumt den Weg und schnell wird der Pfad steiler. Unterwegs treffen wir eine andere Gruppe, ein Australier mit seinem Führer. Dieser ist ein Freund von Porfirio, meinem Führer. Außerhalb der Saison fährt dieser übrigens Taxi und macht nebenbei noch Musik auf Festen, um seine Familie ernähren zu können. 25 Jahre zählt er zwar erst, trotzdem ist er schon mehrfacher Vater, keine Seltenheit in den Andenländern. Kinder sind immer auch eine Art Rentenversicherung fürs Alter, umso mehr man hat, umso größer die Chance im Alter gut versorgt zu werden. Leider ist dieser Grund für eine zahlreiche Nachkommenschaft in vielen armen Ländern immer noch sehr verbreitet. Auch sind die Kinder willkommene bis nötige zusätzliche Arbeitskräfte. Trotzdem stellt sich die Frage ob kleinere Familien nicht wirtschaftlicher wären und es fair ist Kinder in teilweise großer Armut und praktisch ohne Chancen im Leben aufwachsen zu lassen (nicht auf Porfirios Kinder bezogen).

Leider ist das Wetter nicht optimal und dichte Wolken versperren die sonst so überwältigende Aussicht, dazu kommen Wind und Kälte. Deshalb sind wir froh als der Lagerplatz endlich erreicht ist und vor allem das Zelt steht. Ein wenig lichtet sich der Nebel zwar, aber für gute Bilder reicht es noch nicht, und so geht es direkt nach dem Essen ins Zelt. Eng und ungemütlich sind diese, außerdem macht sich die Höhe in Form von Kälte bemerkbar. Kurze Zeit später fängt es auch noch an auf das Zeltdach zu prasseln. Ein Gewitter kommt auf und wir müssen auch noch die Rucksäcke ins Zelt holen, jetzt wird es richtig eng. Größere Sorgen bereitet uns diese Wetterentwicklung aber für die morgige Tour, wenn der Schneeregen anhält können wir den Gipfel wohl vergessen.

Nach einer fast schlaflosen Nacht wird es dann um 12 Uhr ernst. Wirklich eine unchristliche Zeit, trotzdem bin ich heilfroh endlich dem ungemütlichen Zelt zu entkommen. Höllenkalt ist es hier, sodass ich beim Frühstück umherlaufe. Wenigstens das Wetter hat aufgeklart, sieht sogar fast perfekt aus. Dann geht es los, zuerst über guten Firn. Nun mit weniger Gepäck lässt sich ganz gut vorankommen, auch in dieser Höhe. Steiler wird der Firn und wir steigen der Schlüsselstelle entgegen, einer sehr steilen Eispassage, höchstens 50 Meter lang zwar nur, aber praktisch senkrecht und dazu noch fast blank. Zum Glück ist es noch Dunkel, sodass ich bei der Pause unterhalb dieser Passage nicht sehe wie steil sie ist. Porfirio treibt eine Art Eisenstab als Eisschraubenersatz in den Firn. So gesichert lassen sich die beiden Seillängen gut meistern, allerdings pumpt mich das Frontzackengehen in dieser Höhe unheimlich aus, jetzt habe ich schon ganz ordentlich zu kämpfen. Nach einer weiteren Pause und einem Joghurt fühle ich mich aber wieder besser und es geht weiter über einen herrlichen Grat. Langsam wird es hell und ich sehe die letzte Schlüsselstelle vor mir : eine Eisflanke 45-50 Grad steil und immerhin knapp 250 Meter hoch. Mit uns ist nur noch eine weitere Seilschaft unterwegs, die allerdings von 5 auf 2 Personen geschrumpft ist-ein Tscheche mit seinem Führer. Mark, der Australier, und sein Führer sind schon etwas höher in der Wand und auch für mich beginnt jetzt die Quälerei, Frontzackensteigen auf 5900 Metern und höher. Aber es geht gut, ich komme gut voran, mache sogar Boden auf Mark gut. Weiter oben wird das Gelände noch steiler und es heißt immer mehr kämpfen. Trotzdem fühle ich mich stark, eine völlig andere Art von Erschöpfung als am Chachani. Ich bin jetzt fast auf gleicher Höhe mit Mark und wir können uns gegenseitig motivieren, während unsere Führer munter Scherze miteinander machen. Ihnen macht die Höhe gar nichts aus, und unser Tempo ist für sie ein besserer Spaziergang. Allein schafft Porfirio den Gipfelanstieg unter 2 Stunden, was ich ihm durchaus abnehme, in den Alpen wäre das für mich auch möglich. Die Bolivianer profitieren hier von ihrem angeborenen größeren Lungenvolumen, mich würde nur interessieren was sie in noch größeren Höhen zu leisten imstande wären.

Endlich ist der scharfe und verwächtete Gipfel erreicht. So ziemlich gleichzeitig sinken Mark und ich völlig ausgepumpt in den Schnee. Phantastisch ist der Tiefblick auf La Paz und den Altiplano, der Himmel ist fast Wolkenfrei. Besonders der Illimani sticht aus dem Meer der Andenriesen heraus, jetzt ist die Gelegenheit für gute Fotos gekommen. Auch der Tscheche quält sich noch auf den Gipfel und Mark meint dieser steile Berg hätte ihn mehr Mühe gekostet als der Aconcagua, das ist wohl schon eine Hausnummer. Runter geht es dann schneller, aber als Porfirio dann die Schlüsselstelle gleichzeitig am Seil abklettern will, wird mir allerdings mulmig und ich ziehe die bewährte Sicherungsmethode mit dem Eisenpin vor. Er meint auch die beiden ganz großen Berge Boliviens wären für mich drin, also muss ich mich nur noch zwischen Illimani und Sajama entscheiden.

Alles in allem ist der Huayna ein ziemlich anspruchsvoller Berg, auch wenn keine Kletterstellen im Fels überwunden werden müssen. Die erste Eispassage ist sehr steil und gleichzeitiges Frontzacken gehen in 5900 Metern Höhe ist auch nicht jedermanns Sache, vor allem ist der Berg aber durch seine Steilheit unheimlich anstrengend. Einen Gehrythmus zu bekommen ist hier fast unmöglich. Geradezu lächerlich die Werbung vieler Tourveranstalter welche den Berg als „den leichtesten 6000er der Welt“ bezeichnen. Vielen Touristen ohne Bergerfahrung wird somit suggeriert sie könnten die Tour mit einem Tag „Eisausbildung“ angehen. Das ist nicht nur Geldmacherei, da die Gäste natürlich auch zahlen, wenn sie früh wieder umdrehen, Porfirio bestätigt mir das dass allzu oft vorkommt, sondern auch hochgradig gefährlich. Für Unerfahrene ist dieser Berg absolut ungeeignet, zum probieren wäre da viel eher der Chachani geeignet. Ich finde Agenturen, mit dem oben genannten Werbesatz gehört die Linzens entzogen, auf jeden Fall aber zeigen sie die eigene Unkenntnis der bergsteigerischen Situation nur allzu deutlich und peinlich.