Der leuchtende Pfad zwischen berechtigtem Wiederstand und sinnloser Gewalt

Ein Reisebericht aus Südamerika - Peru. Von Thomas Wilken.

Wer auch immer in früheren Jahren in dieser Region, aber auch in der bergsteigerisch interessantesten Region des Landes, der Cordilliera Blanca unterwegs war, war vor allem mit Sorgen um die eigene Sicherheit konfrontiert. Der Grund dafür waren die Guerilla des leuchtenden Pfades, des Sendero Luminoso.

Dieses Phänomen war eine logische Konsequenz der über lange Zeit herrschenden politischen Situation, seine Ideologie geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Indigenismus nennt man die Strömung, welche gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, und den Indio in den Mittelpunkt des Denkens rückte. Vorher waren die Indigena von allen politischen Entscheidungen und Diskussionen ausgeschlossen gewesen, wurden überhaupt nicht beachtet. Nun sollte auch die große Anzahl der indigenen Bevölkerung in die Gesellschaft eingegliedert werden, natürlich blieb es bei grauer Theorie. Bis dann in den zwanziger Jahren Jose Carlos Mariategui für eine Wende im Denken sorgte. Die Intergration dieser breiten Bevölkerungsschicht könne nicht durch die Besinnung der intellektuellen Eliten Perus auf ihr indianisches Erbe erreicht werden, ihre Probleme seien nicht humanitär, philosophisch oder gar moralisch zu lösen, sondern nur ökonomisch und politisch. Mariategui hatte sich zudem intensiv mit den Entwicklungen des europäischen Kommunismus beschäftigt, somit gründete er 1928 die erste kommunistische Partei Perus, auch  mit  der Intention die Indigena in das politische System mit einzubeziehen . Er sah parallelen zwischen dem kommunistischen Gedankengut und der kollektiven Landbewirtschaftung und Gesellschaftsform der Andenindianer. Allerdings glaubt er nicht daran die Probleme der Indigena demokratisch durch Reformen lösen zu können, sondern nur durch eine von ihnen selbst entfachten Revolution. Die Geschichte gibt ihm da recht, in Peru haben die Indigena ja dann auch bis heute nie eine Stimme gehabt. Aus der später geteilten Partei Mariateguis, genauer gesagt aus dem Bandera Roja genannten Flügel, ging dann eine Partei hervor, die am 18. Mai 1980, dem Tag der Wahl, erstmals großangelegt in Erscheinung trat, indem sie ihre Bereitschaft verkündete die Gesellschaft gewaltsam und radikal zu verändern. Sie nannten sich Partido Comunista del Peru por el sendero luminoso de J.C. Mariategui, kurz Sendero Luminoso. Sie war an der Universität des ärmsten Bezirks des Landes entstanden, wo die Initiatoren, wie der spätere Parteichef Abimael Guzman, guten Nährboden für ihre Ideologien fanden. Gegründet hatte er die Partei schon 1959 mit indigenen Studenten aus Ayacucho und Umgebung. Also dem Gebiet wo in schöner Regelmäßigkeit Aufstände ihren Ursprung hatten und das nur mit 0,6 % aller staatlichen Zuwendungen bedacht wurde, also praktisch als vergessener Winkel Perus bezeichnet werden kann. Für die Campensinos ging es immer wieder um das Gleiche, nämlich sich aus ihrer sklavenähnlichen Abhängigkeit zu befreien und ihr Land zurückzubekommen. Leider wurden diese Bewegungen immer wieder von Regierungstruppen zerschlagen.

Eine traurige Rolle spielte hierbei der Internationale Währungsfond, welcher der peruanischen Regierung, und damit natürlich auch und vor allem dem Volk sein Wirtschaftsprogramm aufzwang, das durch Senkung von Reallöhnen und Aufhebung aller Subventionen für Grundnahrungsmittel die einzige Möglichkeit sah, das chronische Haushaltsdefizit Perus zu verringern. Davon waren vor allem die Indigena der Andenregionen betroffen. Eine starke Inflation, eine über 50% Arbeitslosigkeit, steigende Auslandsschulden, Öffnung des peruanischen Marktes für ausländische Produkte und stagnierendes Wirtschaftswachstum erhöhten jedoch noch mehr die ungelösten Probleme Perus. Wahrscheinlich war das vom IWF auch so gewollt.

Am schon genannten Wahltag 1980 wurde dann zum bewaffneten Widerstand aufgerufen, und die Etappe der unbewaffneten Hände für beendet erklärt. Das war faktisch der Beginn der Guerillabewegung  unter Führung von „Präsidente Gonzalo“ alias Abimael Guzman mit gut 5000 bewaffneten Kämpfern. Von Ayacucho aus wurden Streiks gegen Menschenrechtsverletzungen organisiert, welche die ganze Provinz lahm legten. Diese war komplett mit Guerillafahnen übersäht, keine Busgesellschaft traute sich mehr über Ayacucho von Lima nach Cusco zu fahren, sie nahmen stattdessen große Umwege in Kauf.

Zunächst musste das Militär hilflos zuschauen, bis die Situation mehr und mehr eskalierte, die Sicherheit des gesamten Landes gefährdet war und die Touristenzahlen mehr und mehr zurückgingen. Auch

Gewaltverbrechen der hungernden Bevölkerung wurden immer wieder dem Sendero angehängt, während dieser weiter Anschläge auf Industriebetriebe oder Elektrizitätswerke verübte und Gefangene aus Gefängnissen befreite.

Nun ließ die Regierung immer mehr Polizei und Militär zum Gegenterror antreten und die Situation eskalierte. Neben der Antiterrorpolizei Sinchi gab es noch 5-6 weitere Antiterroreinheiten zusätzlich zum Militär. Sie traten oft in ziviler Kleidung auf und verbreiteten konsequent den Tod. Da nicht wirklich zwischen Sendero und Zivilbevölkerung unterschieden werden konnte, wurde letztere immer mehr in den Konflikt hineingezogen und war der wirkliche Leidtragende. Immer wieder wurden ihre Tiere von Senderos oder Militärs beschlagnahmt, und die ohnehin schon unzumutbaren Lebensverhältnisse verschlechterten sich weiter. Viel Senderos kamen in Uniform um zu morden und zu plündern, immer mehr schien Raffgier die revolutionären Gedanken als Triebfeder abzulösen. Zudem verlangte der Sendero von allen Campesinos Kooperation, wer nicht kooperierte wurde öffentlich hingerichtet, oft wurden auch neue „Mitglieder“ zur Unterstützung gezwungen. Lehrer und andere Dorfhonoren wurden als Teil des Systems getötet, ganze Dörfer überfallen. So wurde der Ausnahmezustand über Ayacucho, Andahuaylas, Huancavelica, Pasco, Yauli und sogar Lima verhängt, Reisen in diese Regionen waren fast ausgeschlossen. Von allen Konsequenzen waren die Andenbewohner am Stärksten betroffen, jeder verlangte Nahrung und Hilfe ausgerechnet von denjenigen, die es selbst am Nötigsten hatten. Zum Teil wurden ganze Dorfgemeinschaften verhaftet, etwa 300.000 Andenbewohner verließen das Hochland und flüchteten nach Lima. Unzählige Opfer gab es in diesem immer gewaltigeren Bluvergiessen, Militärs, Polizei, über 5000 Campesinos und 2600 Anhänger des Sendero. Insgesamt wurden über 20.000 Menschen getötet, die meisten Opfer waren wie so oft unter der unschuldigen Zivilbevölkerung zu finden.

Auch Drogenhändler mischten kräftig mit in diesem Mordkarussel . Zur Krönung wurden dann im März 1981 Gewaltanwendungen, Folter, Verhaftungen, willkürliche Hausdurchsuchungen bis hin zur Aufforderung an die Campesinos Fremde zu ermorden durch das sog. Antiterrorgesetz legitimiert, und der Sendero endgültig zur Guerilla aufgewertet indem man seinen Fall dem Militär übertrug. Durch das Antiterrorgesetz konnte nun praktisch willkürlich jeder Peruaner zum Terroristen erklärt werden, ein geniales Instrument der Regierung Kritik und eine demokratische Meinungsbildung zu unterdrücken. Ein Gesetz das die Ideen unseres Überwachungsministers Otto Schilly perfektionierte, vor allem aber die „Terroristenzahl“ deutlich steigert. Schlichtweg genial brutal.

All das trug dazu bei, das die anfängliche Popularität des Senderos gerade bei der ländlichen Bevölkerung deutlich zurückging. Am Anfang hatte Sendero leichtes Spiel in den Andentälern, die Mitglieder waren zum großen Teil selbst Kinder dieser Regionen, sie sprachen Quetschua, kannten die Gebräuche und Lebensbedingungen in den Anden. Ihr Engagement schien glaubwürdig. Dazu kam die Aussicht auf Land, welches den Campensinos in Aussicht gestellt wurde. Dieses war ihnen das wichtigste und höchste Gut, Pachamama, die Mutter Erde gab ihnen alles was sie brauchten. Dazu wurde ihnen die Idee der kollektiven, kommunistischen Wirtschaftsweise als der eigenen Lebensform verwandt dargestellt. Das alles und natürlich die Hoffnung auf ein besseres Leben, das wohl alle Menschen haben, vor allem aber die, die fast nichts mehr zu verlieren haben, trieb sie in die Arme des Sendero. Für viele erfüllte sich gerade das nicht, sie verloren auch ihr letztes Hab und Gut, wenn nicht gar ihr Leben.

Hätte Sendero nach den Anfangserfolgen, welche ja durchaus nicht unbedeutend waren, nicht durch Habgier, Raub und Mord sein Gesicht verloren, und damit auch seine Glaubwürdigkeit, wäre ihm die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten sicher gewesen, vor allem auf dem Land. Außerdem gelang es der Organisation nicht die reformierten und gemäßigten Kräfte zu gewinnen, da sie kein überzeugendes wirtschaftliches und gesellschaftspolitisches Gegenmodell zu präsentieren in der Lage war. Als dann die ersten Campesinos getötet wurden, weil sie sich nicht freiwillig anschlossen, regte sich Widerstand, eine neue totalitäre Organisation mit noch mehr Tötungspotential wollten sie beim besten Willen nicht, trotz ihrer misslichen Lage. So wendeten sich immer mehr Campensinos vom Sendero ab, der Rest der Peruaner sowieso. Damit hatte Guzman seine Chancen verspielt, seine Leute hatten dieselben Charaktermerkmale gezeigt, welche eigentlich seine politischen Gegner „ausgezeichnet“ hatten, Gier, Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit. Negative menschliche Eigenschaften, welche vor allem durch Macht hervorgerufen werden, und vielleicht irgendwo tief im Innern des Menschen verwurzelt sind.   

Dabei waren die Senderos durchaus nah dran ihre Ziele zu erreichen, vielleicht war es die gefährlichste Guerillaorganisation Südamerikas überhaupt. Ihre Strategie zuerst den ländlichen Raum zu beherrschen und den Großstädten, vor allem Lima, die Versorgung mit Lebensmitteln einzustellen, war alles andere als abwegig. Die Landbevölkerung hatten sie ja schon zum großen Teil auf ihrer Seite, die Regierungstruppen sahen lange tatenlos zu. Jetzt hätte organisiert zugeschlagen werden müssen, aber ohne die Landbevölkerung zu belasten, sie war ja der eigentliche Verbündete, wurde aber nachher mehr und mehr zum Opfer.

Ohne Rückendeckung der Landbevölkerung aber brach die Organisation immer mehr zusammen und verkam zu einem Haufen Straßenräuber. So wurde Guzman mit einem großen Teil seines Führungskaders am 12.9.1992 überraschend in Lima verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. 900 Guerilleros ergaben sich daraufhin, nur der harte Kern verübte weitere Anschläge. Neuer Anführer wurde Oscar Ramirez Durand, aber die Bedeutung des Sendero verblasste immer mehr, sodass die ersten Hochlandindios wieder in ihre Heimatgebiete zurückkehrten und versuchten dort Fuß zu fassen. Mittlerweile gibt es keinen Terror durch Sendero mehr, und die Region, sowie das gesamte Land sind mittlerweile sehr sicher geworden.

Die eigentlichen Ziele der Organisation wurden von den Medien gar nicht oder nur verschleiert dargestellt, da letztere ja mehr die Interessen der Regierung wahrten, als eine eigene Meinung zu haben. Dabei war der ursprüngliche Antrieb durchaus als edel anzusehen, doch das große Elend der Indigenen Hochlandbewohner wollte Niemand als eigentlich Ursache der ganzen Eskalation anerkennen. Natürlich war die kommunistische Ideologie den Hochlandindigena relativ egal, es ging um die eigene Selbstbestimmung, bzw. den traditionellen Widerstand gegen die Nachfahren der spanischen Eroberer. Verständliche und notwendige Umwälzungen einer ausbeuterischen und völlig ungerechtfertigten Gesellschaftsordnung konnten leider wieder nicht realisiert werden. Stattdessen verschlimmerte sich die Lage weiter und eskalierte am Schluss ganz. Der Winkel der Toten riss also nur zusätzliche Wunden in das ohnehin schon angeschlagene Andenland. Höchstwahrscheinlich wäre ein erfolgreicherer Versuch auch irgendwann von den USA unterbunden worden, um nicht an Einfluss zu verlieren. Traurig aber wahr, die Hochlandbewohner waren und sind immer noch nicht mehr als ein Spielball in den politischen Konzepten der Reichen, Mächtigen und Rücksichtslosen, um nicht zu sagen des wirklichen Abschaums dieses Planeten. Da wäre die Frage Mensch oder Tier viel berechtigter als bei den Indios, wo sie früher ernsthaft gestellt wurde, deren Situation aber auch heute oft der von Tieren gleicht, wenn überhaupt. Wenigstens sind heute schon leichte Verbesserungen realisiert worden, bleibt die Hoffnung doch irgendwann durch friedliche Reformen eine wirkliche, demokratische Gleichberechtigung für diese zu erreichen.