Huancayo und Umgebung

Ein Reisebericht aus Südamerika - Peru. Von Thomas Wilken.

Nach einer Horrorfahrt mit üblen (alkoholbedingten ?) Magenschmerzen, und etwa 10 Stunden im mehr als überfüllten Bus über holprigstes Gelände, suche ich mir erst mal ein Hotel. Kein Problem, es gibt etliche in direkter Nähe der Haltestelle, wenn auch nur recht einfache. Selbst die Gänge im Bus waren mit Menschen voll gestopft, man kann sich kaum bewegen. Während einige Indigena sogar im Gang schlafen, finde ich gar keinen Schlaf bis Huancayo. Nachdem ich im Hotel endlich etwas schlafen konnte, suche ich mir eine Wäscherei, eine Bank und vor allem eine Apotheke mit Medikamente gegen meine neugewonnene Erkältung. Dann schaue ich mir die Stadt an, sie wirkt nicht gefährlicher als andere, dafür aber bunt und lebendig.

Zwei große Plazas gibt es hier, nämlich die Plaza Huamanmarca und die Plaza de Constitucion  mit ein paar ganz ansehnlichen Gebäuden. Die Hauptschlagader der Stadt ist aber die Calle Real, früher Teil der sagenumwobenen Inkastraße, heute flankiert von eher modernen Geschäften und zahlreichen Schnellrestaurants. Vergeblich suche ich touristisch orientierte Einrichtungen, nur 2 kleine Informationsstände gibt es. Sie bieten Ausflüge in die nähere Umgebung an, z.B. die Ruinen von Wari-Wilka, Torre Torre mit mächtigen Sandsteintürmen oder nach Jauja mit der Laguna mit der Laguna de Paca . Hier in der Nähe soll sich auch das langgesuchte Paragleitzentrum des Landes befinden, nämlich bei Chupuko. Sogar Wettkämpfe sollen dort stattfinden, das hätte ich gerne näher unter die Lupe genommen, aber da ich ab Mitte Mai schon auf Kreta arbeiten muss fehlt mir auch hierfür die Zeit.

Huancayo ist die Hauptstadt des Depatamento Junin und liegt auf 3271 Metern Höhe am linken Ufer des Rio Mantaro. Mit 280.000 Einwohnern handelt es sich um ein bedeutendes Wirtschafts- und Agrarzentrum mit sehr ansehnlicher Umgebung. Der Name geht auf das Hochlandvolk der Huancas zurück, die erst 1460 vom Inca Pachacutec besiegt wurden, der hier dann einen Tambo errichtete, also eine Festungsanlage.

Mit einem kleinen Lokalbus geht weiter nach Jauja. Interessante Landschaftsbilder bietet die Fahrt, dazu zwei Gesangseinlagen von Kindern, die angeblich Geld für ihre Mütter sammeln und Bonbons verkaufen.

Nun wird es wirklich untouristisch, Jauja liegt fast am Ende der Welt. In der Ortsmitte liegt ein großer Marktplatz, um ein Hotel zu finden brauche ich diesmal etwas länger.

Natürlich möchte auch ich die Laguna de Paca besuchen, eines der dreirädrigen Motortaxen bringt mich direkt hin. Am Seeufer reihen sich die Fischrestaurants aneinander, doch nach 300 Metern verlasse ich die Zivilisation. Vorbei an weidenden Kühen und grünem Ackerland schreite ich zur Seeumrundung. Strahlend blau wirkt die Wasseroberfläche, zu groß ist der See, als das ich ihn auf ein einziges Bild bekommen könnte.

Mal wieder löst meine Anwesenheit großes Erstaunen und fragende Blicke der Einheimischen aus. Was will der 2Gringo“ ausgerechnet hier ? 

Zurück in Jauja versuche ich für den nächsten Tag einen Bus nach La Oroya zu bekommen. Keine Chance, alle fahren direkt nach Lima, man schickt mich hin und her, aber ohne das ich eine brauchbare Auskunft bekomme. Sogar ein Erotikclub ist zu finden, aber keine Fahrgelegenheit nach La Oroya.

Am nächsten Morgen rufe ich auf dem Marktplatz wieder großes Interesse hervor, immer dieselben Fragen muss ich beantworten. Wo kommst du her, was machst du hier, wo willst du hin? usw. Nur weiterhelfen kann mir keiner, bis ich dann irgendwann erfahre, das ich einen Kilometer ortsauswärts gehen muss, direkt an die Hauptstraße. Also nehme ich, weil schwer bepackt ein Taxi dorthin. Einige Wartende sitzen hier schon, also bin ich richtig, was meine Mitreisenden mir bestätigen. Schon nach kurzer Zeit hält ein Bus und auch die Hotelfrage klärt sich schnell, mein Sitznachbar bietet mir eine günstige Unterkunft an.

Jauja wurde übrigens 1534 von Pizarro gegründet und war sogar kurzzeitig Hauptstadt Perus. Davon ist in dem kleinen Andenstädtchen auf 3411 Metern Höhe allerdings fast nichts mehr übrig geblieben bzw. zu sehen.

La Oroya, der Anticonapass und ein wunderschönes Wandergebiet

Wahrlich ein trostloses Bild  liefert die immerhin 50.000 Einwohner fassende Bergbaustadt, triste Wellblechhütten wechseln sich mit Schutthalden ab, sogar die umliegenden Felsberge sind von einfarbigem Grau geprägt. Dafür zeichnet sich die 3726 Meter hoch gelegene Minenstadt durch eine große Industrielle Geschäftigkeit aus, und ist das Bergbauzentrum schlechthin in Peru. Zu sehen gibt es außer dem höchsten Golfplatz der Welt praktisch nichts, eigentlich besteht die Stadt aus einem einzigen langen Straßenzug. Eingehüllt wird das Ganze in stickige, von Industrieabgasen geprägte Luft, wahrlich kein schöner Anblick, den auch die zahlreichen stillgelegten Bahngleise nicht aufbessern können.

Aus dieser Enge muss ich heraus, so nehme ich den erstbesten Weg nach oben. Nun werden die Hütten noch ärmer und kleiner, die Gassen schmaler. Ballspielende Kinder prägen hier das Stadtbild, Verkehr gibt es kaum noch. Etwas weiter, oberhalb der letzten Häuser hat man dann einen schönen Blick auf die Stadt, nun erst werden die zahlreichen Minen an den Kalksteinhängen sichtbar. Weiter oben aber werden die Gesteinsformationen wieder deutlich interessanter, rotschimmernde Bleiberge säumen den Hintergrund, ich besteige noch eine dieser rötlichen Spitzen. Flach und ohne Probleme geht es hinauf, aber die Fernsicht lässt sehr zu wünschen übrig, zuviel Nebel versperrt den Blick auf die umliegenden Gipfel. Aber gerade davon muss es hier einige sehr interessante Vertreter geben, welche ich näher unter die Lupe nehmen möchte. Daher versuchte ich am nächsten Morgen den immerhin 4700 Meter hohen Anticonapass zu erreichen, um von dort aus eine Bergtour zu unternehmen. Kein ganz leichtes Unterfangen, wie sich herausstellt, aber nach einiger Zeit kann ich ein Sammeltaxi nach Lima auftreiben, welches mich in Ticlio, wie die Einheimischen die Passhöhe nennen, aussetzt. Hier entlang führte früher auch die höchste Eisenbahnstrecke der Welt, heute ist sie auf unbestimmte Zeit stillgelegt, aber eine Wiederaufnahme der Bahnstrecke ist geplant (sollte allerdings schon längst realisiert sein). Ein Berg auf der anderen Straßenseite erinnert noch an den Erbauer dieser Strecke, der 5085 Meter hohe Monte Meiggs. Aufgebaut ist der Berg aus tiefrotem, eisenhaltigen Gestein und sein Gipfel wird von einer überdimensionalen peruanischen Flagge gekrönt. Heute schaue ich mir aber die andere Seite an. Auch diese Berge sind von einer außerordentlichen Farbvielfalt geprägt, orange, rot, schwarz, dazu als Kontrast obendrauf weissglänzende Eis- oder Firnkappen und sogar eine tiefgrüne Hochebene. Drei kleine 5000er gelingen mir heute, alle recht einfach zu ersteigen. Nebenan ragen ein paar dunkle Felsberge auf, sie erinnern ein wenig an die Silvretta, oder die Hochgipfel der Ötztaler Alpen. Fantastisch ist auch die Fernsicht, vor allem der recht nahe gelegene Eisgipfel des Nevado Rua-Santay (5477 m) hat es mir angetan. Unter mir breiten sich mehrere tiefblaue Gebirgsseen aus, weder bebaut noch verschmutzt. Alles in allem ein vollkommener Bergtag. 

Der Rückweg nach La Oroya gestaltet sich einfach, ich halte einfach einen Bus an und darf gegen ein geringes Entgeld neben dem Ticketkontrolleur Platz nehmen. Als ich mich als Deutscher entpuppe, lerne ich von diesem Neues über die Deutsche Geschichte. Heil Hitler sagt er lachend, und als ich entgegne der sei heute mittlerweile etwas weniger populär als früher, heißt es der hätte doch immerhin die Welt verändert, wo man wohl nicht widersprechen kann. Allerdings weniger zum Positiven wie mein Gegenüber meint, immerhin hätte er doch die industrielle Revolution entfacht. A interessant, die kam aber dann spät. Doch erfreulich ist, das man hier als Deutscher willkommen ist, und nicht wegen der Geschichte, zu Zeiten wo ich noch lange nicht gelebt habe, vorverurteilt wird.

Einen Tag später fahre ich wieder hoch, diesmal nehme ich mir den Monte Meiggs vor, zusammen mit zwei kleineren Bergen. Dafür muss ich mich allerdings kurz bei den Minenarbeitern registrieren lassen, was aber mit der Vorstellung meines Namens und Land (Perso von Vorteil) getan ist. Ich soll mich nur etwas von den ehemaligen Gleisen fernhalten, kein Problem also, der Rest der Tour ist recht einfach. Nur der erdige Boden kurz unter dem Gipfel ist sehr steil und hart, deshalb etwas heikel. Es folgen noch ein paar leichte Kletterstellen, dann sitze ich neben der großen Flagge. Wieder habe ich einen perfekt klaren Tag erwischt und sehe hunderte von Kilometern weit auf schneeweiße 6000er. Nach einer Seeumrundung trampe ich noch mal nach La Oroya zurück, diesmal nimmt mich ein Privatwagen mit. Auch hier erfahre ich einiges, diesmal vor allem über die Bordellandschaft von La Oroya, auch nicht uninteressant.

In La Oroya angekommen packe ich dann zusammen, leider muss ich bald zurückfliegen, deshalb nehme ich ein weiteres Sammeltaxi, diesmal nach Lima.