Ankunft in einer fremden Welt

Ein Reisebericht aus Südamerika. Von Thomas Wilken.

Flughafen Lima, erstmal Schlange stehen und Formalitäten über sich ergehen lassen. Das ganze hält sich aber mittlerweile durchaus in einem erträglichen Rahmen, ein-zwei Formulare und schon geht es weiter. Nachdem dann Hotel und Anfahrt dorthin noch im Flughafengebäude selbst geregelt werden konnte, geht es hinaus in eine völlig andere Welt. Das Gelände ist praktisch umstellt von armen Peruanern, die den Neuankömmlingen bettelnd ihre Hände entgegenstrecken.

Erstmal ein absolut ungewohntes Bild. Ein Gitter trennt mich von diesem Pulk und auch Wachmänner sind vorhanden, Gefahr droht hier also nicht. Aber der Eindruck in einem Entwicklungsland zu sein wird während der Busfahrt ins Hotel noch deutlich verstärkt. Kinder versuchen an offenen Bus- und Autofenstern etwas zu ergattern und auch Erwachsene, zumeist Indigena versuchen alle erdenklichen Gegenstände vom Armband bis zum Dauerlutscher zu verkaufen. Die Häuser oder besser Hütten wirken oft marode und baufällig. Trotz Dunkelheit und fortgeschrittener Tageszeit herrscht sehr viel Leben auf Limas Straßen. Alles in allem eine überwältigende Flut ungewohnter Eindrücke für den vom Leben verwöhnten Mitteleuropäer. 

Als Übernachtungsort hatte ich das Nobelviertel Miraflores gewählt, weil nicht in allem Stadtteilen Limas hinreichende Sicherheit für auffällige Europäer gegeben ist. 10 Dollar für die Übernachtung sind zwar in Peru ein stolzer Preis, aber es ist ja nur für eine Nacht. Miraflores ist sehr sauber und sehr gepflegt, es gleicht eher einer spanischen Großstadt als einer lateinamerikanischen. Auch die Preise für z.B. Essen sind hier sehr europäisch, um die Sicherheit braucht man sich hier keinerlei Sorgen zu machen und auch bettelnde Kinder sind eher eine Seltenheit. Alles in Allem vermittelt Miraflores kein typisches Bild von Peru, auch deshalb ziehe ich schnell weiter.

Lima selbst ist natürlich auch mehr als nur Miraflores. Mittlerweile auf ca. 11 Millionen Einwohner angewachsen zeigt die peruanische Metropole alle Facetten der südamerikanischen Gesellschaft auf. Hier modernste und mondänste Hochhäuser, abgeschottete und strengstens bewachte Prunkvillen der Oberschicht (gated community), auf der anderen Seite die zerfallenen Wellblechhütten Ärmsten der Armen in den Distriktos oder Barriadas.

Eine Stadt der Gegensätze also, wie der gesamte Kontinent. Während die oberen 5% der Bevölkerung  zwischen 80 und 90 % der vorhandenen Besitztümer auf sich vereinen, tragen die Kinder der Distriktos Gummireifen an den Füßen und ernähren sich von Abfällen. Elektrizität und fließend Wasser sind für diese Menschen Fremdwörter, sie freuen sich über jeden Sol, den sie z.B. als mobile Schuhputzer verdienen können. Die meisten von ihnen aber bringen fast gar nichts nach Hause, wenn man Baracken aus Abfällen so nennen kann. Ohne die in Lima durchgehend hohen Temperaturen hätten diese Menschen keine Chance zu überleben. Sie sind von allen Teilen des Landes eingewandert, vor allem aus den Bergregionen, wo die Erde nicht genügend Ackerland hergibt um zu überleben. Eins ist ihnen allen gemeinsam, die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Großstadt, vor allem dort bessere Verdienstmöglichkeiten vorzufinden. Eine Hoffnung, die sich selten erfüllt. Auch in Lima sind Arbeitsplätze rar und so dümpeln diese meist indigenen Einwanderer ohne Hoffnung dahin. Zum Leben zu wenig, aber zum Sterben noch etwas zu viel.

Dazu existiert auch eine immer breiter werdende Mittelschicht in Peru und durchzieht mittlerweile weite Teile der Bevölkerung. Überschwänglichen Luxus kennen auch diese Personengruppen nur vom Hörensagen, aber immerhin brauchen sie keinen Hunger zu leiden.

Alles in Allem liefert die Gesamtsituation in diesem überfüllten Moloch wenig Grund zur Zuversicht und die hohe Kriminalitätsrate ist kein Zufall.

Durch die Wüste

Mein nächstes Etappenziel heißt Ica, Hauptstadt des gleichnamigen Departamento auf 406 Metern Meereshöhe gelegen. Diese fast Küstenstadt ist auf mittlerweile 162000 Einwohner angewachsen und gilt als das Hauptanbaugebiet für Wein in ganz Peru. Die Reben wurden von den Spaniern eingeführt und sie gedeihen prächtig im trockenen Klima. Zahlreiche Bodegas bieten vielfältige Testmöglichkeiten. Auch das Nationalgetränk der Peruaner, ein aus Muskateller-Trauben gebrannter Schnaps namens Pisco findet hier seinen Ursprung und wird zumeist eisgekühlt als Pisco Sour serviert.

Die Strecke an der Westküste entlang ist menschenleer und trostlos, die meiste Zeit geht es durch sandige Wüstenregionen hindurch.

Sandwüste umringt auch mein nächstes Ziel, die nur wenige Kilometer von Ica entfernt gelegene Oase Huacachina. Ein Süßwassersee eingerahmt von zum Teil mehrere Hundert Meter hohen Sanddünen mit nur wenigen Häusern, Hotels und Restaurants erwartet den Besucher hier. Touristen sind das ganze Jahr über anzutreffen, immer herrscht lebhaftes Treiben in diesem so unzugänglich anmutenden Ort. Grüne Palmen, Wasser und Vegetation, wer hätte das in dieser Wüstenlandschaft erwartet? Der absolute Kontrast zum Rest dieses Landstriches. Durch die umliegenden Dünen hat sich Huacachina zu einem Mekka für Sandboarder entwickelt, d.h. Snowboarden auf Sand. Oft wird dieser Sport in Verbindung mit Buggyfahrten durch die Wüste angeboten, was mit sehr eindrucksvollen Landschaftserlebnissen verbunden ist. Die Einheimischen erreichen die Startpunkte zumeist zu Fuss, Lifte sind natürlich keine Vorhanden, dafür aber Unmengen an befahrbarer Fläche. Wenn demnächst alle Eisflächen abgeschmolzen sind und die Winter kaum noch Schnee hergeben, könnte das Sandboarden eine ernsthafte Alternative zum Skisport werden. Bei Nasca werden an fast 1000 Meter hohen Dünen schon Wettkämpfe durchgeführt und auch der Verleih dieser Sportgeräte boomt, „patentierte“ Sandboardlehrer sind ebenfalls vorhanden.