Arequipa – Die Weiße Stadt

Ein Reisebericht aus Südamerika - Arequipa. Von Thomas Wilken.

Dieser Name bezieht sich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte auf die weißgetünchten Kolonialbauten der Stadt, sondern vielmehr auf die Tatsache das sie früher vor allem von hellhäutigen Einwanderern  bevölkert war. Auch heute besteht ein verhältnismäßig großer Anteil der mittlerweile fast 700.000 Einwohner aus Nachkommen der spanischen Eroberer und Leuten die sich zumindest dafür halten.

Ob diese Abstammung übergroßen Stolz hervorrufen muss mag dahingestellt sein, aber in Peru und anderen südamerikanischen Ländern definieren sich breite Teile der Bevölkerung über ihre Hautfarbe. Desdo hellhäutiger umso angesehener. Leider akzeptieren auch die dunkelhäutigen Indigena zumindest nach außen hin diese Tatsache und sehen die Bezeichnung Negro (Schwarz) immer noch als Beleidigung. Dieses Denken lässt sich schwer mit dem eigentlich eher verständlichen Stolz Nachfahren der Inka zu sein vereinbaren.

Die Stadt selbst hat sich mittlerweile zur zweitgrößten Stadt Perus gemausert und ist zugleich die wichtigste Metropole zwischen Lima und La Paz. Arequipa sieht sich gern als Konkurrenz zu Lima, kommt aber der Bedeutung der Hauptstadt noch nicht nahe. Dafür ist Arequipa ruhiger und übersichtlicher. Durch die angenehme Distanz zur Küste und die für andine Verhältnisse eher gemäßigte Höhenlage von 2300 Metern herrscht in Arequipa das ganze Jahr über ein mildes und angenehmes Klima. Geprägt wird das Stadtbild durch die beiden unmittelbar aufragenden Vulkane Misti (5811 m ) und Chachani (6074 m), welche hochandines Flair vermitteln. Neben der Küste gibt es weitere interessante Ausflugsziele wie den Colca Canyon, den tiefsten Canyon der Welt, oder den Titicacasee.

Nicht nur die Verkehrsbelastung hält sich in für eine Stadt dieser Größenordnung recht erträglichen Grenzen, auch die früher hier stark verbreitete Kriminalität ist deutlich eingedämmt worden und weite Teile der Stadt sind auch für Europäer jederzeit sicher begehbar. Nicht ganz unschuldig daran ist sicher die relativ neu gegründete Touristenpolizei, welche eigens zum Schutz und auch für Informationsbelange ausländischer Touristen ins Leben gerufen wurde. Das gewaltige Potential, welches der Tourismus für die Andenländer bietet hat Peru wohl erkannt. Deutlich wird das auch dadurch, dass die englische Sprache von immer mehr Einheimischen recht ordentlich beherrscht wird, was vielen die Kommunikation doch deutlich erleichtert.

Mich selbst empfängt die Stadt erst mal mit einer ordentlichen Grippe, weshalb ich die ersten 2-3 Tage nur leichte Besichtigungen in der Stadt selbst machen kann. Die Bergtouren müssen also warten, aber zum Glück gibt es hier im Andenhochland ja ein Allheilmittel gegen jegliche Art von Gebrechen : Mate de Coca! Damit bekämpfe auch ich meine kurzzeitige Schwächephase.

Als ich mich dann wieder halbwegs erholt habe unternehme ich einen Ausflug in den schon sehr dörflichen Vorort Cayma in Verbindung mit einer Bergtour auf den Cerro Verde und einen unbekannten, danebengelegenen Wüstenberg. Es ist sauheiß und windstill, die Gegend wirkt absolut trostlos, bis auf einige wenige Kakteen gibt es praktisch keinerlei Bewuchs. Dafür bestehen die Berge aus interessanten roten Sandsteinformationen, die zum Teil weiss übertüncht sind, allerdings nicht mit Schnee, bei diesen Temperaturen auch absolut unmöglich, sondern mit feinem weißlichen Sand. Trostlos wirkt übrigens auch das direkt unter dem Cerro Verde liegende Pueblo, die Häuser bestehen aus einfachen Steinwänden, nicht jedes Haus hat Fenster und ein Dach. Fließend Wasser und Strom sind noch Fremdwörter in diesem Gebiet, immerhin gibt es einen kleinen Laden, wo ich mich mit dem Nötigsten an Brot und Getränken versorgen kann.

Groß ist die Zahl der herumstreunenden Hunde hier, welche mich entweder neugierig beobachten oder pflichtbewusst verbellen, gebissen werde ich zum Glück aber nicht. Neugierig beobachten tun mich übrigens auch die Einheimischen, allerdings aus sicherer Entfernung. Sie fragen sich wohl was das für ein weißer Idiot ist , der sich schwitzend durch die Mittagshitze die Hänge hoch bewegt. Der Cerro Verde selbst bietet zwar einen ganz interessanten Tiefblick auf die Ebene, aber mich zieht es weiter hoch zum nächstgelegenen Berg, der eine noch umfassendere Aussicht verspricht. Etwas mühsam ist es, da mir neben der Hitze auch meine Grippe und der Durchfall immer noch zu schaffen machen. Oben sieht man dann Sandberge in fast allen Richtungen, ein eigentümliches und äußerst interessantes Landschaftsbild, nur über Arequipa selbst schrauben sich der ebenmäßige Misti und der Schneebedeckte Chachani in die Höhe.

Cayma selbst ist unten in der Ebene recht grün und sehr stark von der Landwirtschaft geprägt. Modern wirkt der Ort und die Einwohner scheinen aufgeschlossen und interessiert. Sie stellen Fragen und interessieren sich für das Leben in Europa. Hier scheint echtes Interesse vorhanden zu sein, keiner versucht durch den Kontakt mit mir materielle Vorteile zu erlangen.

Der tiefste Canyon der Welt

Eines der beliebtesten Ausflugsziele von Arequipa aus ist der Colca Canyon, der oft als der tiefste Canyon der Welt bezeichnet wird. Die größere Tiefe zum Colorado Canyon (1800 Meter) ergibt sich aber vor allem durch die Messung zum 5226 Meter hohen Senal Ajirhua, trotzdem gräbt sich der Canyon vomMirador Cruz de Condor rund 1200 Meter in die Erde, wo der Rio Colca fließt. Sicher eines der beeindruckendsten Naturphänomene Südamerikas.

Zahlreiche Tages- und auch Mehrtagestouren werden dorthin angeboten, doch natürlich kann man die Region auch sehr gut in Eigenregie besuchen. Vom Terminal in Arequipa fahren regelmäßig Busse nach Chivay, einem Andendörflein von ca. 3600 Einwohnern, lokalen Verkehrsknotenpunkt und neben Cabanaconde Hauptort im Colcatal. Dieser Bus ist fast umsonst und wird vornehmlich von Einheimischen benutzt, ich bin der einzige Nichtperuaner im Bus. Hektisch wird es dann im kleinen Terminal von Chivay, in Trachten gekleidete Landfrauen drängen sich in den Bus, als ob es ihn morgen nicht mehr geben würde. Nur mit viel Mühe schaffe ich es auszusteigen. Gleich werde ich mit Zimmerangeboten nur so überschüttet. Da ich nicht gerne amigo (im Zusammenhang mit erhofftem wirtschaftlichen Profit) genannt werde scheidet ein Großteil der Bewerber gleich aus und ich buche ein nahe gelegenes Zimmer zu 5 Soles, ohne zu Handeln. Auf dem Land haben die Preise eben eine andere Dimension als in den stark touristisch geprägten Städten. Die organisierten Touren frühstücken zwar in Chivay, übernachten dort in der Regel aber nicht, sodass ich wiederum der einzige Weiße im ganzen Dorf bin und zudem eine handfeste Attraktion.

Ich schaue mir noch ein wenig die Umgebung von Chivay an und besteige einen kleinen Hügel, von wo ich einen schönen Blick in den vorderen Teil des Canyons habe. Vielseitig und äusserst interessant ist die Vegetation, dazu sind einige kleine steinerne Bauwerke zu sehen. Schnell merke ich nun warum das Chivaytal so grün ist, es beginnt nämlich in nicht gerade kleinen Tropfen zu regnen. An Fußballspielenden Kindern vorbei rette ich mich ins nächstgelegen Restaurant und bestelle mir einen Teller Spagetti. Auch im Dunkeln kann ich hier ohne jegliche Angst nach Hause gehen, vorher hole ich aber bei der hiesigen Polizeistation, welche gleichzeitig auch als Touristeninformation fungiert, noch letzte Informationen für den morgigen Tag ein.

Ein Frühbus fährt hier von Chivay nach Cabanaconde, wobei man unbedingt am Mirador Cruz del Condor halten sollte, der als die Hauptattraktion der Region gilt. Der Grund dafür sind die hier oft kreisenden Condore, auch ich habe das Glück ein paar kleinere Exemplare beobachten zu können. Für ein Foto reicht es allerdings nicht, zu hoch haben sie die riesigen Vögel, welche eine Flügelspannweite von bis zu 3,5 Metern erreichen können, in der Morgentermik schon den Bergen entgegengeschraubt. Ein eindruckvolles Bild für einen Gleitschirmflieger.

Weiter geht es von hier nach Cabanaconde, einem ebenfalls recht ursprünglichen Dorf. Von hier aus kann man eine interessante Wanderung in die Nähe des Canyons machen, wobei sich hervorragende Blicke in den Canyon selbst auftun. Das gilt übrigens auch für die umliegenden Berge, worunter sich einige schneebedeckte 5000er befinden, oft mit sehr ansehnlichen, teils bizarren Felsformationen. Leider sind sie alle sehr schwer von den Orten aus erreichbar.

Wie schon erwähnt das gesamte Colcatal sehr grün und fruchtbar, dementsprechend stark ist es auch von der Landwirtschaft geprägt. Vor allem Kartoffeln werden hier angebaut dazu Getreide und auch Gemüse. Die Bauern steigen direkt von der Ernte in den Bus, wobei sie die Früchte ihrer Arbeit in Säcken transportieren und auch für sehr wenig Geld feilbieten.

Heute ist die Colcaregion eine der wichtigsten Agrarregionen ganz Perus. Schon zu Zeiten der Inkas wuchsen hier auf terrassierten Hängen Mais, Kartoffeln, Bohnen und sämtliche damals bekannten Obst- und Gemüsesorten. Beides wurde mit Lamakarawanen nach Cusco transportiert. Doch auch schon vor den Inka war die Region besiedelt, Spuren reichen bis um Christi Geburt zurück und deuten auf die Collagua-Kultur hin. Um diese Zeit haben etwa 60000 Menschen die außerordentliche Fruchtbarkeit des Gebietes für sich zu nutzen gewusst.

Später haben die Spanier dann 14 Dörfer im Schachbrettmuster hier angelegt und die Bevölkerung gezwungen neben dem Produzieren landwirtschaftlicher Erzeugnisse auch noch die nahe gelegenen Gold- und Silbervorkommen abzubauen. Durch eingeschleppte Krankheiten wurde die Bevölkerung bis zur Gründung Perus 1821 auf etwa 15000 dezimiert.