Puno – Großstadt am Titicacasee

Ein Reisebericht aus Südamerika - Puno am Titicacasee. Von Thomas Wilken.

Puno ist die Hauptstadt des gleichnamigen Departemento und mittlerweile auf knapp 100.000 Einwohner angewachsen. Von Arequipa aus verkehren täglich etliche Busse, welche die 320 km lange Strecke in 5-6 Stunden zurücklegen. Der Fahrpreis liegt ungefähr bei 3-4 Dollar, wieder war ich der einzige Weiße im Bus. Freundlich suchen meine Sitznachbarn das Gespräch sodass die Zeit trotz des Nebels schnell vergeht. Leider sind die Ausblicke nicht so berauschend, eigentlich soll es sich hier ja beim Durchqueren der Andenkette um eine der schönsten Strecken des Landes handeln. Bestreiten möchte ich das nicht, denn was ich zu sehen bekomme wenn der Nebel etwas aufreißt ist wahrhaft atemberaubend.

Sowohl die verschiedenen Färbungen des Bodens, diverse Pflanzenarten und die erstaunlich grüne Landschaft mit einigen Seeaugen zwischendrin lässt ahnen was man hier normalerweise zu sehen bekommt. Einige schneebedeckte, heute leider zusätzlich auch wolkenverhangene Vulkane würden wohl normalerweise die Krönung dieser Fahrt darstellen. Zum Ausgleich halten wir heute aber an einem typischen Straßenmarkt, wo es nicht nur die langersehnten Toiletten gibt, sondern auch Mais, Kartoffeln und sogar gebratene Hühnchen zu kaufen.

Puno erreichen wir dann erst nach Anbruch der Dunkelheit, eindrucksvoll wirkt dessen lang gezogene Lichterkette, zumal wir die Stadt von Oben ansteuern. Vom See ist leider nichts mehr zu sehen, und die Entscheidung ob die Stadt wirklich so unansehnlich ist wie man überall liest und ich von anderen Reisenden gehört habe wird auf morgen verschoben. Am Terminal erwarten den Besucher mal wieder zahlreiche Schlepper, da Vorsaison ist kann ich schnell meine Preisvorstellung durchdrücken und bekomme dazu noch ein Taxi ins Hotel. Puno liegt auf stattlichen 3830 Metern Meereshöhe und dürfte somit eine der höchstgelegenen Großstädte der Welt sein. Zum Vergleich, mein höchster Berg im letzten Sommer war der Piz Morteratsch im Berninagebiet mit 3752 Metern.

Am nächsten Morgen muss ich feststellen, das die Stadt, welche vermutlich erst 1668 durch die Spanier erbaut wurde, doch einiges zu bieten hat, allem voran natürlich die Hafenregion mit einem der schönsten und interessantesten Feuchtgebiet der Erde, doch davon später. Auch die Altstadt ist sehr ansehnlich und ein Nachtleben findet ebenfalls statt. Die Spezialität schlechthin ist hier übrigens Trucha, also eine gebratene Forelle.

Wie die späte Gründung vermuten lässt besitzt die Stadt selbst keine Zeugnisse aus der Inkazeit, aber in der umliegenden Hochebene sollen sich zahlreiche Ruinen befinden, darunter die relativ bekannte Chullpas (Grabtürme) von Sillustani. Also buche ich kurz entschlossen einen Ausflug dorthin.

Angekommen macht sich etwas Enttäuschung breit, zu kümmerlich wirkt der groß angekündigte Ruinenkomplex, auch die Anzahl der Bauwerke ist eher als gering zu bezeichnen. Die dünne Luft macht sich immer noch bemerkbar, die wenigen vorhandenen Grabtürme bestechen aber immerhin durch ihre sehr ansehnliche Form. Fast interessanter ist jedoch die erstaunlich grüne, fast etwas irisch anmutende Umgebung. Weite Seeaugen sind zu sehen, dazu zahlreiche lang gezogene Weideflächen, welche natürlich nicht ungenutzt bleiben. Wenige Minuten später verstehe ich dann, warum hier so fruchtbarer Boden anzutreffen ist, ein kräftiger Regenschauer ergießt sich über unsere Köpfe, sodass wir uns ins nahe gelegene Museum flüchten. Dieses besteht aus nur einem großen Raum und zeigt einige Vasen und Gebrauchsgegenstände der vorkolonialen Zeit. Wesentlich schöner und interessanter sind da schon die eigentlich für dieses Gebiet typischen Häuser, welche sich überraschend farbenfroh präsentieren und der ohnehin recht ansehnlichen Umgebung weitere Farbtupfer bescheren.

Der zweifellos lohnenste Teil des Ausfluges ist aber der Besuch eines alten, steinernen Bauernhauses, wo wir durch die spärlich ausgestatteten Räume und Ställe geführt werden. Das Hauptkapital der Familie bilden Alpakas und anderen Nutztiere, welche auch entsprechend umsorgt werden. Ein sehr guter Käse wird uns zum Probieren dargereicht, der von der Familie selbst hergestellt wird. Dazu sind Mais und sehr wohlschmeckende Kartoffeln zu haben. Selbstverständlich kann beides auch käuflich erworben werden, oder aber einfach die Portokasse der Familie etwas aufgestockt werden, was wir dann auch gerne tun.

Für den nächsten Tag habe ich mir dann endlich mal wieder eine Bergtour vorgenommen, nämlich den 4450 Meter hohen Atoja über dem Indigenadörfchen Chucuito. Dieses ist nur mit dem Camineto zu erreichen, welcher erst abfuhrt, als wirklich kein weiterer Fahrgast mehr Platz hat. Die Indigena haben in großen Jutesäcken Tauschware, zumeist Lebensmittel dabei, welche sie auf den nahen Dorfmärkten umzusetzen hoffen. Fast umsonst ist die Fahrt, freundlich werde ich dann auf das Erreichen meines Zieles Chucuito hingewiesen. Auch bei der Frage nach dem günstigsten Weg zum Atoja erhalte ich sofort Hilfe und zudem Annerkennung, das ich mich hier als Weißer allein auf diesen Berg bewege. Weder allzu steil, noch sehr lang ist der Anstieg und so langsam vertrage ich die Höhe wieder gut, sodass ich problemlos den Gipfel erreiche. Schöne , südländische Gewächse säumen den Weg und auch den Gipfelbereich, sogar eine Wetterstation gibt es auf dem Gipfel. Damit nicht genug, die nebenstehende Hütte ist sogar bewohnt und der freundliche Besitzer erklärt mir stolz, das hier alles mit Solarenergie betrieben wird. Sehr vorbildlich!

Phantastisch ist der Blick auf die nicht enden wollende Weite des mehr als azurblauen Titicacasees, auf der anderen Seeseite sind schon die Gipfel der bolivianischen Königskordilliere zu sehen. Auch einige peruanische Vulkane schieben sich ins Bild uns runden das Panorama ab.

Über die andere Bergseite kehre ich nach Chucuito zurück, zu meiner Überraschung hat sich der eben noch verschlafene Ort in eine bunte Festszenerie verwandelt. Neben einem lebhaften Indigenamarkt findet auch noch ein extrem farbenfroher Umzug statt. Zu Ehren der Virgen del Rosa Rio findet das Fest statt, der Schutzheiligen des Ortes der 1534 von den Spaniern erobert wurde. Chucuito war früher die Hauptstadt der Inkas und auch schon der Lupacas. Während der Kolonialzeit hatte es weiterhin große Bedeutung als Hauptstadt der Region zwischen Puno und Desaguadero. Nur 18 km von Puno entfernt ist von diesem Ruhm heute nicht mehr viel übrig geblieben und Chucuito dümpelt als kleines Bauerndörflein vor sich hin. Haupteinahmequelle ist der Fischfang im Titicacasee.

Heute aber ist der ganze Ort von Feiernden in Kostümen oder auch Fußballtrikos bevölkert. Neben den kleinen Lebensmittelständen machen vor allem Bierverkäufer großen Umsatz. Touristische Artikel gibt es nicht zu sehen, passend dazu auch keine Touristen. Trotzdem falle ich kaum auf und keiner scheint sich an einem einzelnen Weißen zu stören. Trotz Alkohol gibt es auch nicht die geringsten Anzeichen von Aggressivität, weder untereinander, noch mir gegenüber, obwohl sich meine Beliebtheit hier wohl unverschuldetermaßen in bescheidenen Grenzen halten dürfte.

Die weiten Trachtenröcke der Indigenafrauen bieten übrigens wie ich beobachten kann neben optischen Vorzügen noch weitere. Um ihr Geschäft zu verreichten setzen sie sich einfach auf die Strasse, die weiten Röcke bieten perfekten Sichtschutz und sitzen fest genug das sie nicht einmal festgehalten werden müssen. Diese Art der Urinierkunst ist hier wohl völlig selbstverständlich, ich scheine der Einzige zu sein, der sich etwas darüber wundert. Von einem Bekannten hörte ich, das diese Art des Urinierens manchmal auch in Bussen üblich ist, berühmt/berüchtigt dafür sei der Bus von La Paz nach Sorata. Ich selbst hatte allerdings nicht das etwas zweifelhafte Vergnügen Zeuge dieser Zeremonie zu werden.