Tour durch ein Meer aus Salz

Ein Reisebericht aus Südamerika - Bolivien. Von Thomas Wilken.

Der Salar de Uyunie - Die größte Salzpfanne der Welt.

Entgegen meinen bisherigen Informationen gibt es doch tägliche Busverbindungen von La Paz nach Uyuni, sodass ich mir gleich einen Platz sichere. Doch zu meiner großen Überraschung heißt es wiederum warten, der vorgesehene Bus ist noch unterwegs. Ich befürchte sogleich weitere Straßensperren, doch davon ist nichts bekannt, zudem ist bei keiner der anderen Busgesellschaften ebenfalls eine Verspätung bekannt. Gut zwei Stunden später ist der Bus dann verfügbar und es geht auch recht bald los. Vollbesetzt ist dieser, eine bunte Mischung aus etlichen verschiedenen Ländern. Vier weitere Deutsche sind darunter, Anja und Yvonne aus Berlin und die beiden Mainzer Marian und Valentin. Mit ihnen sollte ich nachher noch zusammen die Salartour machen, aber das ergab sich erst später. Anja und Yvonne haben übrigens schon von Puno nach Copacabana im gleichen Bus gesessen wie ich, auch ihnen waren also Komplikationen im Busverkehr nicht unbekannt.

Um es vorweg zu nehmen, diesmal gab es keine. War auch nicht nötig, die Fahrt allein war die rumpeligste und ungemütlichste die ich bisher mitmachen durfte. Die Strecke von Oruru nach Uyuni scheint eine der schlechtesten des Landes zu sein, außerdem ist der Bus sehr eng und alt und zu allem Überfluss wird die fehlende Toilette nicht durch zahlreiche Stopps kompensiert. Nur zweimal halten wir auf der rund 12-stündigen Fahrt, einmal nachts in einem sehr einfachen Restaurant, wo neben der Toilette auch Mate de Coca und Sandwichs den Aufenthalt lohnend machen, und morgens inmitten der Wüste. Eine Toilette ist hier nicht nötig, die Bolivianer stellen sich einfach neben den Bus und verrichten ihr Geschäft. Ich  entferne mich auch nicht viel weiter von unserem Fahrzeug und bin froh keine Frau zu sein.

Uyuni selbst wirkt wie eine verlassene Westernstadt, passend dazu säumen nicht mehr benutzte Bahngleise diese trostlose Gegend. Ackerbau ist in dieser kargen Landschaft auf 3670 Metern Höhe praktisch unmöglich, Wasser ist ein sehr seltenes Gut, dazu machen Wind und Kälte den gut 12.000 Einwohnern zu schaffen. „Platz der Lasttiere“ lautet die Übersetzung des Aymarawortes Uyuni, damit deutet es schon darauf hin, warum hier überhaupt so viele Menschen wohnen. Denn was hier von Lasttieren transportiert wird ist die Lebensgrundlage dieser Region und der Grund für ihre Bekanntheit: das Salz ! Deshalb sind auch wir hier, wie wohl alle Touristen, ist doch der Salar de Uyuni mit ca 160 km Länge und 135 km Breite die größte Salzfläche der Erde, mit einer Salzkruste von 2 bis 7 Metern. Dementsprechend auch mein erster Eindruck von Uyuni, die Stadt scheint nur aus Touristikagenturen zu bestehen, die ein oder andere hat Rundtouren im Salar de Uyuni im Programm. Allerdings sind diese in der Vorsaison noch recht schwach gebucht, sodass die Fahrgäste sofort nach dem Aussteigen mit Angeboten nur so überschüttet wurden. Schnell habe ich mich für eine 3-tägige Tour entschieden, zusammen mit den 4 anderen Deutschen und 2 Australiern. Am nächsten Morgen soll es losgehen, die Hotelübernachtung und Frühstück sind inbegriffen im ohnehin schon günstigen Angebot.

Vornehmere Häuser und Hotels gibt es hier nicht, auch bei uns läuft nur jeweils eine Stunde am Tag warmes Wasser zum Duschen. Anders sieht es bei den Restaurants aus, diese sind für südamerikanische Verhältnisse eher teuer und zu unserer Überraschung auch sehr voll. Aber interessanterweise sind die wenigsten der auf den Speisekarten aufgeführten Gerichte auch zu haben, diese Karten dienen wohl nur zum Touristenanwerben. 

Sehenswürdigkeiten hat Uyuni übrigens außer dem kleinen Bahnmuseum nicht zu bieten, umso sehenswerter ist allerdings das Drumherum. 

Ursprünglich gehörte der Salar zum gewaltigen Anden-Binnenmeer Lago Minchins, das vor Jahrmillionen austrocknete und einige abflusslose Altiplanoseen und – Salare zurücklies, unter anderem auch den Titicacasee.

Zwischen Dezember und März wird der Salar durch heftige Regenfälle regelrecht überflutet und kann länger unter Wasser stehen. Dann glänzt das Salarwasser tiefblau und die Salzarbeiter ziehen sich zurück. In der Trockenzeit verdunstet dieses Regenwasser dann aber, und zurück bleibt eine harte Kruste aus Salz. Dieses wird von vermummten Männern mit Äxten als panes de sal (Salzblöcke) aus dem Boden geschlagen und in einer Salzmühle weiterverarbeitet. Zentrum der Salzgewinnung ist Colchani, wo praktisch der ganze Ort von jodiertem Speisesalz lebt. Die Jahresproduktion liegt bei etwa 20.000 Tonnen.

Die Hauptgefahr auf dem Salar bilden die sog. Ojos (Augen), blubbernde Salzquellen unterirdischer Wasserläufe, welche die Salzkruste durchbrechen. Zum Glück wurden wir damit nicht konfrontiert.

Allerdings liegt der größte materielle Reichtum des Salares noch ungenutzt da -Lithium. Auf 9 Millionen Tonnen werden die Vorkommen des silberweißen Alkalimetals geschätzt, dieses wird vor allem als Legierungszusatz für Batterien und in der Kerntechnik benötigt. Hier wird deutlich warum Bolivien als „Bettler auf dem goldenen Thron“ bezeichnet wird, denn das wären knapp 75% des derzeit bekannten Weltvorkommens. Doch der größte Reichtum des Landes und auch dieser Region ist natürlich die unvergleichliche landschaftliche Schönheit und Vielfalt. Geld bringt auch die ins Land, denn sonst würden viel weniger Touristen kommen. Auch im Salar de Uyuni sind die Massen an Fahrzeugen, welche an den bekanntesten Attraktionen des Salzsees mittlerweile zu finden sind, ein deutliches Zeichen und eine wichtige Einnahmequelle.

Colchani ist dann auch unser erster Anlaufpunkt, wir können beobachten wie das Salz auf Lastwagen verladen und abtransportiert wird. Strahlend weiß liegt das schier unendliche Salzmeer vor uns, heller als auf jedem Gletscher glänzt uns die Sonne entgegen. Ungewohnt und sehr amüsant ist es im Salz zu laufen. Dazu gibt es hier noch ein Hotel aus Salz mit Übernachtungsmöglichkeit und ein Salzmuseum. Alle möglichen Kunstgegenstände aus Salz kann man hier erwerben, aber auch den üblichen touristischen Kitsch. Aha, deshalb haben wir hier gehalten. Nun geht es aber endlich in die unendlichen Weiten des Salars hinaus. Wege gibt es hier nicht, allenfalls Reifenspuren, trotzdem findet unser Fahrer problemlos immer den richtigen Weg.

Etwa zur Isla Pescado, einer fischförmigen Insel, welche leicht erhöht über dem Salz aufragt und ziemlich bewachsen ist, vor allem mit Kakteen. Diese sind ungefähr 1200 Jahre alt und erreichen eine Höhe von bis zu 12 Metern. Sie bilden den perfekten farblichen Kontrast zur weißen Salzmasse. Über diese bietet der höchste Punkt der Insel, nur 100 über der Oberfläche, aber in über 4000 Metern Höhe gelegen eine geniale Übersicht bis hin zu den weit entfernten schneebedeckten Vulkangipfeln.

Übernachtet wird im Pueblo San Juan, völlig abgelegen und in respektabeler Höhe. Einfache Schlafzimmer sind vorhanden, sogar eine, wenn auch recht kalte Duschgelegenheit. Gekocht wird mit dem mitgebrachten Gaskocher, nichts deutet auf eine Stromversorgung hin. Draußen bewegen sich Llamaherden direkt vor unserer Unterkunft, lassen sich aber ungern Photographieren. Vor uns liegt eine karge und eigentümliche Vulkanlandschaft, Felsen, Sandböden und schneebedeckte Gipfel wechseln sich ab, hin und wieder abgelöst durch grüne Fleckchen wo doch tatsächlich Kartoffeln und Getreide angebaut werden.

In dem Stil geht es auch am nächsten Tag weiter, wir durchqueren fast verlassene Dörfer, verfallene Schulen und die interessantesten Landschaften, die man sich nur vorstellen kann. Da macht es auch nichts, das sich mein Durchfall zurückmeldet. Nifurat beseitigt die gröbsten Beschwerden, und die Landschaft lässt alle anderen Nöte vergessen. Rauchende Vulkane wie der über 5800 Meter hohe Ollague säumen den Horizont, Lagunen in allen erdenkliche Farben, rot, grün oder türkis, dazu die bizzarsten Felsgebilde (teilweise mit Bouldermöglichkeiten), und eine von Flechten über kleinere Kakteenarten erstaunlich vielfältige Vegetation. Ob die wenigen Bewohner die eigentümliche Schönheit dieser an sich äußerst lebensfeindlichen Landschaft wohl ähnlich wahrnehmen? Highlights sind die Laguna Verde mit der ebenmäßigen fast 6000 Meter hohen Pyramide des Lincancabur im Hintergrund, und ein nahe gelegenes „Thermalbad“, eine heiße Quelle mit Bademöglichkeit.

Leider ist heute der Wechsel der Laguna von grün zu rot nicht zusehen, dafür steuern wir aber noch zwei rote Lagunen an, jeweils mit großen Flamingoaufkommen. Laguna Colorada heißt die bekannteste, in deren Nähe liegt auch unser Übernachtungslager. Ein kleiner Hof mit Gruppenschlafraum inmitten dieser Steinwüste mit unbezahlbarem Blick auf Lagunen und Vulkane. Leider nicht allzu lange, denn bald wird es dunkel und sehr kalt. Wir übernachten schließlich auf über 4000 Metern Höhe. Unendlich klar ist hier die Luft, natürlich auch Nachts, wohl noch nie habe ich so einen intensiven Sternenhimmel erlebt, mit dem Kreuz des Südens als krönenden Höhepunkt.

Für den nächsten Tag steht dann als erstes der Sol de Manana auf dem Programm, ein Geysir aus kochenden Lavaschlammlöchern bestehend. Diese sind nur am frühen Morgen aktiv und blasen eine ca. 10 Meter hohe Dampfwolke in die noch eiskalte Luft. Gelbliche Schwefeldämpfe mischen sich dazwischen, brodelnde Löcher und wenig fester Untergrund überall, welch ein Schauspiel. Danach passieren wir eigenartige, kalkgraue Felsgebilde, dessen interessantestes ungefähr die Form eines Pilzes hat. Die langohrigen Chinchillas leben hier und haben ebensoviel Spaß in den Felsen herumzuklettern wie wir. Weitere landschaftliche Kuriositäten und noch mehr Flamingos begleiten uns, oder zumindest unsere Augen auf dem Weg zurück nach Uyuni. Jetzt haben wir etwas mehr Platz im vorher doch sehr engen Auto, da die beiden Australier sich über die chilenische Grenze hatten bringen lassen, um von dort aus weiterzureisen.